Reisebericht Argentinien

Ankunft in Buenos Aires

Die ziemlich unmotivierte Schalterdame von „Taxi Ezeiza“ sitzt hinter ihrem Tresen, als warte sie seit 20 Jahren vergeblich auf das Casting für die nächste Sendung von „Vera am Mittag“. Straßenköter-blondiert, kräusel-gelockt, mopsig-gedrungen von Gestalt, fummelt sie angeregt auf ihrem Handy rum und ignoriert mich für zwei Minuten. „LOVE“ hat ihr ein Tattoo-Artist (?) in sehr mageren Lettern mitten auf den Hals gemalt. Aber Liebe spüre ich hier wirklich nicht. Schließlich schreibt sie den Preis für die Fahrt zu meinem in Flughafen-Nähe befindlichen Airbnb auf einen Zettel Papier: 18.000 Peso, efectivo por favor, cash only. Deutlich zu viel, wie mir einen Tag später klar werden wird, nachdem ich erstmalig die argentinische „Uber“-Variante „Cabify“ genutzt haben werde.

Ich such die nächste Reisebank und wechsele dort 200 Euro in etwa 320.000 argentinische Pesos. Der Bankbeamte tippt meine Reisepassdaten in den Computer und händigt mir die einheimische Banknoten aus.

Nach etwas über 13 Stunden Flug, Abflug vom Pariser Flughafen Charles de Gaules, die letzten 25 Minuten im Abenddunkel über einen orangefarben-funkelnden Lichterteppich und endlich am Aeropuerto „Ezeiza“ angekommen, fällt mir ein erster Stein vom Herzen. Einige Reiseblogs hatten gewarnt, dass Geldwechseln sogar am Flughafen schwierig werden könne.

Willig zahle ich der verhinderten Telenovela-Queen am Taxistand das Geld und ihr schweigsamer Kollege, der bereits neben dem Schalter wartet, kutschiert mich über die Autopista zu meiner Unterkunft. Eine relativ sichere Gegend, wie es heißt, doch die Fenster und Türen der Wohnhäuser sind vergittert. Nachdem ich etwas nervös die richtige Kombination ins Zahlenschloss fummele, bin ich endlich angekommen. Level 1 geschafft.

Die Unterkunft ist geräumig, Nacho, mein Vermieter, hat mir eine große Flasche Wasser bereit gestellt. Auf einem Beistelltisch liegen eine Ukulele, diverse Fußball-Utensilien und das „Frühstück“ für morgen, eine Art Muffin und wahlweise Kaffee oder Tee. Auf dem Kühlschrank klebt ein Foto, Nacho im Flugzeug, posierend neben Lionel Messi. Dem echten Lionel Messi. Es ist zu diesem Zeitpunkt bereits das ca. 20. Foto des argentinischen Fußballgotts. 

Agüero 2157

Ausblick von meinem ersten Airbnb.

Ich schlafe so lange wie möglich in den nächsten Morgen, um einen potenziellen Jetlag aus den Gliedern zu bekommen und bestelle mir über „Cabify“ einen Fahrer. Claudio fährt nach 10 Minuten in einem schwarzen, recht schrottreifen VW Suran vor, ein Modell, das nur für den südamerikanischen Markt hergestellt wurde.

Er stellt den Motor an und verriegelt die Türen. Viel redet der Mitvierziger nicht, mein Spanisch ist zu diesem Zeitpunkt aber auch kaum existent. Sein Englisch ebenfalls (während meiner drei Wochen in Argentinien werde ich am Ende auf einen einzigen Fahrer treffen, der Englisch spricht, einen zugezogenen aus Paraguay).

Stattdessen schickt Claudio Whatsapp-Sprachnachrichten an seinen Kumpel. Ich starre auf die rußverdreckten, sich in den argentinischen Himmel auftürmenden Hochhäuser der Vororte von Buenos Aires. Die Armut ist auch aus der Ferne offensichtlich. Wir passieren Gegenden, in die man sich besser nicht verläuft.

Je näher wir Richtung Zentrum fahren, desto anmutiger werden die Häuser der Stadt. Nicht umsonst wird Buenos Aires das Paris Südamerikas genannt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als das Land aufgrund seiner exportorientierten Landwirtschaft in seiner Blüte stand, trafen hier französische und amerikanische Einflüsse aufeinander. Jugenstil-Häuser ragen weit in den Himmel, z. B. der Palacio Barolo, mit seinen 22 Stockwerken zu seiner Einweihung 1923 das höchste Gebäude Südamerikas. King Kong hätte sich hier pudelwohl gefühlt.

Claudio schmeißt mich in Recoleta raus, Agüero 2157. Der Sicherheitsdienst prüft meinen Reisepass, schaut mir tief in die Augen und schickt mich mit dem Aufzug in die 6. Etage. Dort befindet sich meine Unterkunft, eine klitzekleine Wohnung mit Winz-Balkon und allem, was man so braucht (Foto: Ausblick von meinem Mini-Balkon). 

Im Carrefour um die Ecke decke ich mich mit Lebensmitteln ein. Die Preise sind vergleichbar mit Deutschland, Salami ist etwas günstiger, Käse und Joghurt fast doppelt so teuer, Milch gibt’s in Beuteln. Alle Einheimischen nennen der Verkäuferin beim Bezahlen einen persönlichen Rabattcode, damit scheinen sie Nachlässe erwirken zu können. 

Ich verlasse den Supermarkt und mache einen Spaziergang Richtung Friedhof in Recoleta. Zahlreiche Persönlichkeiten sind hier in den Gruften und Mausoleen aufgebahrt, doch es ist ein Sonntag und die Warteschlange führt einmal um den Block. Außerdem scheint eine Art Stadtfest zu sein. Weiße Zelte stehen sorgfältig ausgerichtet Spalier, Künstler bieten Bilder oder Handwerk zum Verkauf an, ein Gitarrist spielt ein paar typisch argentinische Lieder, etwas traurig und mit viel Seele. 

Ein warmes Gefühl steigt in mir auf, die Musik ist doch immerhin ein Grund, warum ich hierher gekommen bin.

In der Basilica Nuestra Señora de Pilar nebenan ist derweil kaum was los. Im linken Seitenschiff der Kirche führt ein schmaler Gang praktischerweise zu einem Museum. Als ich den Eintrittspreis von 4.000 Pesos mit einem 20.000 Peso-Schein zahlen möchte, also etwa 12,20 Euro, starrt mich die Dame hinterm Kassenschalter entsetzt an. Geld wechseln ist schwierig und wird schwierig bleiben. Selbst im Supermarkt stehen Angestellte, die bei fast jedem Einkauf Scheine klein machen müssen.

Das Museum ist so lala. Es gibt einen Haufen Jesus- und Heiligen-Figuren, die auch im Tand-Markt am Düsseldorfer Hauptbahnhof nicht weiter auffallen würden. Aber genug Sakrileg an dieser Stelle, ich hab auch nicht viel Ahnung. Stattdessen folge ich einem Grüppchen Argentinier, angeführt von einem glatzköpfigen Museumsführer, Richtung Glockenturm. Dort bekommen wir den Hintergrund zu Kirche und Umgebung erklärt und ich nicke fleißig, als würde ich verstehen, was der sehr kulturbeflissen aussehende Mann sagt. Kurz schrecke ich hoch, als er beherzt auf die Glocke haut und alle lachen über einen Witz.

Im Museum der Basilica Nuestra Señora de Pilar gibt’s einen Haufen seltsamer Figuren (Bilder oben); stundenlang kann man sich in den schmalen  Gassen entlang der Gruften auf dem Cementerio de la Recoleta verlieren, wo unter anderem Eva Peron ihre Ruhestätte hat.

Hangman auf Spanisch

Von Claudia, meiner Vermieterin, habe ich mir eine SUBE-Karte geschnorrt. Die ist notwendig, um SUBTE zu fahren, die argentinische Metro. Sie funktioniert genau wie die U-Bahn z. B. in Paris oder Washington mit einem Schrankensystem. Die Fahrt mit der Sube kostet 1300 Pesos, also unter einem Euro, Busfahren (Colectivo) ist noch günstiger.

Ich passiere die Schranke, einen Bandoneon-Spieler auf der Suche nach meiner Verbindung und mir fällt auf: Die Grundgeschwindigkeit der Stadt ist langsamer als in Deutschland. Selbst die Anzugträger schlendern eher gemütlich zu ihren Arbeitsplätzen.

Mit der Linie D fahre ich von der Station „Pueyrredón“ nach „Catedral“. Sehr arm aussehende fliegende Händler laufen krakeelend durch die Bahn und versuchen Mülltüten, Taschentücher oder Notizblöcke zu verkaufen, in dem sie die Waren den Fahrgästen auf den Schloss legen. Das passiert eigentlich bei fast jeder Fahrt.

Ich habe heute meine erste Unterrichtseinheit Spanisch in der Academia Buenos Aires. Zunächst gibt’s eine Vorbesprechung in der 1. Etage und uns wird eingeimpft, welche Villas es zu meiden gilt: Retiro, bzw. dort insbesondere die Villa 31, Constitución, Once, bestimmte Gegenden von La Boca. „Das Schlimmste, was passieren kann ist, dass irgendwer einem eine Pistole an den Kopf hält und einen ausraubt“, erklärt die gut gelaunte Lehrerin, die die Einführung macht, „aber schlimmer auch nicht.“ Na dann…

Ich bin mit Åshild aus Norwegen in einer Zweier-Gruppe. Sie ist genau wie ich ehemalige Journalist/in und zum Tango tanzen nach Buenos Aires gekommen. außerdem ist sie deutlich mutiger als ich. Sie war schon alleine in La Boca und hat dort ein Steak gegessen. Allerdings stehen in ihrem Lebenslauf humanitäre Einsätze für die United Nations, im Kongo, an der Elfenbeinküsten und sonstwo. Mein gefährlichster Einsatz für die Zeitung war vermutlich eine investigative Recherche vermeintlich radikaler Salafisten in Dormagen-Hackenbroich. 

Camilla ist unsere Lehrerin, Sie hat sehr rotgefärbte Haare und die Geduld eines Zen-Mönchs. Wir lernen den Unterschied von Estar und Ser und das Zahlenwerk bis in den Tausenderbereich; sehr hilfreich im Supermarkt. Dann spielen wir Memory und Hangman auf Spanisch. 

Die Casa Rosada, der Präsidentensitz, ist praktischerweise gleich um die Ecke der Academia Buenos Aires (M.), wo ich Spanisch lerne; Åshild und Camilla.

Wenn die Subte den Hintern vibrieren lässt

Nach dem Unterricht schlendere ich die paar Meter zur Casa Rosada, dem Präsidentensitz, der praktischerweise gleich um die Ecke der Academia Buenos Aires gelegen ist. Geschäftige Hilfskräfte bauen dort gerade Barrikaden auf, rund 20 schwarz gekleidete Elitepolizisten (jedenfalls sehen sie so aus) bereiten sich anscheinend auf einen Einsatz vor. Auch die gepanzerten Wagen einiger TV-Sender warten schon auf ihren Einsatz. Ich werde den Grund nicht erfahren, sitze noch ein wenig auf dem Plaza del Mayo und starre tagträumend auf General Manuel Belgrano, der wie jeden Tag, grünverwitterter aus Bronze, stolz eine Flagge in die Höhe reckt. Dann bemerke ich, dass es ordentlich am Hintern vibriert, wenn unterirdisch eine SUBTE entlang rauscht.

Die nächsten Tage rauschen so dahin, an meinem Geburtstag gehe ich mit Åshild zu „Pertutti“ Bife de Lomo essen. Das „Pertutti“ ist ein Restaurant mit klassischem Paris-Flair, sehr professionellen Kellnern, aber auch ziemlich touristisch. Das Essen ist nicht schlecht, wird aber bei Weitem nicht das beste Bife de Lomo sein, das ich in Argentinien essen werde.

Ich laufe ein wenig durch die Av. Santa Fe entlang und schau mir El Ateneo Grand Splendid an (siehe Foto), die wohl schönste Buchhandlung Buenos Aires‘, untergebracht in einem ehemaligen Theater aus dem frühen 20. Jahrhundert, mit mehrstöckigen Logen und Michelangelo-artigen Deckengemälden.

Ein paar Meter weiter ist die Galeria Bond Street, eine Art Subkultur-Einkaufspassage. Die Rolltreppen und Wände sind vollgesprüht mit Graffiti. Die Läden verkaufen Rock- und Punk-Shirts und es gibt eine große Dichte von Tattoo-Stuben (ob die Dame von Taxi Ezeiza? Lassen wir das!). Überhaupt sind in Buenos Aires gefühlt derart viele Menschen tätowiert, dass ich mich frage, ob das inzwischen schon eine genetische Geschichte ist?

Die Bürgersteige in Buenos Aires sind gemeingefährlich. Bei Regen spiegelglatt, fiese Schlaglöcher werden zu Stolperfallen und es liegt ziemlich viel Hundescheiße auf dem Gehweg. Denn Hunde gibt es einige. Morgens sieht man die professionellen Gassigeher durch die Calles und Avenidas ziehen, wie sie, waagerecht wie ein Fallschirm am Leinenstrang hängend, von bunt durchmischten Hunderudeln durch die Stadt gezogen werden. Buenos Aires hat einen ganz typischen Geruch in der Luft. Ein Mix der lilafarbenen Jacaranda-Bäume, die derzeit in ihrer Blüte stehen, den frischen Medialunas in den Backstuben, Kaffeeduft und Smog. 

Ich merke, dass ich, über 11.000 Kilometer entfernt von Düsseldorf, gar nicht mal so viel Bock auf zu Hause habe. Ein gutes Zeichen.

Abends höre ich eine Folge Lanz & Precht. Titel: „Mit der Kettensäge regiert – mehr Milei wagen?“. Precht erzählt, dass er die Argentinier bei einer Reise als blass und depressiv erlebt habe. Ein (zu) hartes Urteil, wie ich finde. Südamerikanische Ausgelassenheit sucht man allerdings in der Tat vergeblich. Zu Milei scheint kein Argentinier, mit dem ich sprechen werde, eine eindeutige Meinung zu haben.

Geld im Dagobert Duck-Format 

Ich hebe an einem der nächsten Tage Geld ab, wie es der Profi tut: per Überweisung auf ein Western Union-Konto. An einem der zahlreichen WU-Filialen gebe es den besten Kurs, habe ich in der Vorbereitung auf meine Reise gelernt. Die Schlangen seien lang, oft gehe das Geld aus. 

Diese Erfahrung mache ich nicht einmal. Die Wartezeit beträgt nie länger als fünf Minuten, Geld gibt es immer. Am WU-Schalter, Perú 139, kommuniziere ich mit dem Schalterbeamten durch eine knarzige Sprechanlage. Soundqualität DDR-Diktiergerät. Spanisch in sehr schlechter Audioqualität ist noch recht schwierig für mich. Also halte ich mein Handy mit der Transfernummer an die Plexiglasscheibe. Der Mann überträgt meine Reisepassnummer sorgfältig in den Computer, schiebt einen Stapel Geldscheine in die Zählanlage und wickelt nach erfolgreicher Zählung ein Gummi um das Bündel. Ich fühl mich wie Dagobert-Duck.

Ein ordendliches Bündel Knete (o.); die Catedral Metrapolitana de Buenos Aires; und eine Markthalle in San Telmo (r.).

Gleich um die Ecke ist der Stadtteil San Telmo. Von der wundervollen „Catedral Metrapolitana de Buenos Aires“ aus schließen wir uns einer Führung an. Das Barrio San Telmo ist eingekeilt zwischen dem historischen Stadtkern und La Boca, dem kunterbunten Viertel, in dem Diego Armando Maradona aufgewachsen ist)(dazu später mehr). 

Auch Mafalda lebt hier, ein etwas altkluges 8-jähriges Mädchen, erdacht vom argentinischen Zeichner Quino (Joaquín Salvador Lavado Tejón). Argentiniens berühmtester Comic-Export ist offensichtlich inspiriert von den Peanuts. Mafalda könnte zweifellos die etwas spießige und unbeliebte Cousine von Charlie Brown sein.

Eine lange Schlange bildet sich vor der Parkbank, auf der die hüfthohen Statuen von Mafalda und ihrer Freunde festgeschraubt sind. Wer ein Foto neben dem dunkelhaarigen Mädchen mit der ausgeprägten Kieferpartie machen möchte, muss 15 Minuten warten. Wir machen das nicht.

Nach einem Abstecher durch den Mercardo de San Telmo (siehe Foto), die historische Markthalle mit ihren Überangebot an Leckereien und Wein, kehren Åshild, Steve aus Boston, Kurt aus München und im Café del Arbol mitten auf dem Plaza Dorrego ein, wo gerade eine Tango-Vorführung stattfindet.

Nach sieben Tagen geht der erste Teil meines Aufenthalts in Buenos Aires zu Ende.

Ankunft in Patagonien

Steak, Steak, Steak … und eine atemberaubende Seenlandschaft

Es ist die Nacht vom 7. auf den 8. November.

Jhon Petter, mein Cabify-Fahrer, bringt mich um 1.30 Uhr zum Aeroparque J. Newbery, der direkt an den Rio de la Plata angrenzt. Eine Fahrt von 15 Minuten. Es ist die Nacht von Freitag auf Samstag und draußen ist die Hölle los.

Neben uns fährt eine ganze Weile ein krächzendes Motorrad, der Fahrer hat transparente Mülltüten gegen den drohenden Regen kniehoch um die Stiefel gebunden. Ich bin sicher, dass er mich durch das Visier seines Helmes mustert. Als wir an einer Ampel zum Stehen kommen, zückt er seine Kanone und … nein doch nicht, der Kradfahrer biegt ab, wir kommen wohlbehalten am Flughafen an.

Die Abfertigung am Schalter von Aerolineas Argentinas, der staatlichen Fluglinie, ist wie zu Deutschlands Wirtschaftswunderzeiten. Ich bin der einzige Fluggast in der nicht vorhandenen Schlange, vier Schalter sind geöffnet. Ich gebe meinen Rucksack auf. Die Schalterbeamtin lächelt freundlich und ändert mein Ticket um: Fensterplatz am Notausgang. Lange Beine und so.

Im Flugzeug sind nur Argentinier und zwei langhaarige Endvierziger aus Bayern, Typ Eisbachwellen-Surfer. Als wir nach etwas mehr als zwei Stunden zur Landung am Flughafen „BRC“ ansetzen und noch nicht die Wolkendecke durchbrochen haben, bietet sich ein atemberaubendes Farbspektakel: Über den Wolken von San Carlos de Bariloche Schichten in rot und blau, fast genau wie beim Logo der Marke „Patagonia“. 

Drei Minuten später pläddert allerdings Sturzregen gegen die Scheiben. Entgegen zahlreicher Internetberichte funktioniert Cabify auch in Bariloche. Auf dem Weg vom Flughafen zu meinem ersten Hostel „Reviviendo“ erinnert die Stadt an einen Skiort außerhalb der Saison (was auch ein wenig stimmt).

Ich komme mir vor wie in einem Aussteigerroman von Kerouac. Es ist bunt und gemütlich im Reviviendo, zwei Gitarren im Empfangsbereich. Die Hostelbetreiber, zwei Argentinierinnen und ein Argentinier Anfang 20, tummeln sich in der Küche und hauen mir erstmal eine ordentliche Portion Rührei und selbst gebackenes Brot auf den Teller.  

Ich mache einen Spaziergang zum Nahuel Huapi und dem direkt am Wasser gelegenen Centro Municipal de Arte, Ciencia y Tecnología, eine Art Gemeindehaus, in der heute die  Musikmesse „Feria y Expo-Música RESONAR“ stattfindet und – ich kann mein Glück kaum fassen – Gitarrenbauer ihre Instrumente ausstellen. Ich fachsimle mit Sebastian, einem Luthier aus El Bolson, der wundervolle Gitarren aus Nahuel Huapi-Treibholz fertigt, wenn ich ihn richtig verstehe. Später spielt eine argentinische Band im Nebensaal irische Musik, was irgendwie lustig ist. 

Nächster Morgen Ich ziehe um ins Hospedaje Penthouse 1004. Einer von drei wackeligen Aufzügen („Maximal 5 Personen“) führt mich in den 10. Stock des Edificio Bariloche Center.

Die Herbergs … mutter (?) – Ende 50, Typ Crocodile Dundee/Aussteigerin – begrüßt mich überbordend, erklärt mir innerhalb kürzester Zeit viel zu viel. Küche, Frühstück, selber kochen, Essen im Kühlschrank beschriften.

Im Gegensatz zu Buenos Aires kann man in Bariloche das Wasser aus dem Hahn trinken. Es gibt hier 4er-, 6er-Zimmer und einen Raum mit Doppelbett, den ich mir gegönnt habe. Es gibt gefühlt 27 Gemeinschaftsbäder. Irgendeins ist immer frei.

Der Blick aus dem Panorama-Fenster meines Zimmers ist atemberaubend (siehe Foto). Der Centro Civico, zentral zu Pferd das Monumento a Julio Argentino Roca, vor den Kuckucksuhr-haften Gebäuden des Tourismus-Büros. Im Gemeindebüro gibt’s außerdem die für den ÖPNV notwendige SUBE-Card für schlappe 1.000 Pesos.

Ich werde viel Steak essen in Bariloche. Im Potenza Restaurante de Fuegos, im Corteza und im Alto El Fuego, das von der 20 de Febrero abzweigend etwas versteckt liegt. Das Restaurant ist überschaubar, schlicht, klassisch gemütlich, mit dem spitz zulaufenden Dach im Stile eines ein Hexenhäuschens. Andi, ein Mitschüler aus dem Spanisch-Kurs und hauptberuflich Condor-Pilot, wartet schon an einem der zwei letzten freien Plätze am Tresen. Wir schauen einem der Asadores zu, wie er mit einem kleinen Hackebeil, ein großes Stück Rind zerteilt und (ohne Witz) wie Salt Bae salzt. Es wird serviert, das Filetsteak butterzart und mindestens doppelt so groß, im Vergleich zu heimischen Steakhaus.

Die Woche vergeht wie im Flug. Im Gemeinschaftssaal sitzend, den Blick über die Anden schweifen lassend, während die Herbergsmutter auf einer Leiter stehend, die Augen geschützt durch eine futuristisch aussehende Plexiglasbrille, in der Außenfassade bohrt. Drinnen läuft die Hostel-Playlist: „50 Ways To Leave Your Lover“ von Paul Simon, irgendwas von meiner argentinischen Lieblingsband Bersuit, Elton John. Je weiter man sich von Deutschland entfernt, desto besser die Musik.

Während ich in Bariloche bin, findet in Buenos Aires das Derby zwischen den Boca Juniors und River Plate statt (2:0). Die Stimmung ist … sagen wir mal: ausgelassen.

Die deutsche Geschichte von San Carlos de Bariloche

Bariloche selbst hingegen ist deutscher als man denkt – mitsamt düsterer NS-Vergangenheit, wie ich im Rahmen einer Stadtbegehung von Diego erfahre, der durch die Stadthistorie führt, witzig, wissensreich, ohne sich dabei den Vordergrund zu drängen. 

Von ihm erfahren wir, dass – je nach Quelle – „Karl“ oder „Carlos“ Wiederhold 1895 den ersten Shop im Ort gründete, „La Alemana“, um Güter per Boot über die patagonische Seenlandschaft nach Chile zu verschiffen und von dort nach Deutschland zu exportieren. Seine Geschäftstätigkeit muss den Deutsch-Chilenen Wiederhold zu einem wohlhabenden Mann gemacht haben. Mit Zigarre und Zwirbelbart sieht man ihn auf einem Foto einer Veranstaltung zu seinen Ehren aus dem Jahr 1925. 

Später zog des einen weiteren Deutschen nach Bariloche, der ebenfalls seine Spuren hinterließ. Den bayerischen Bergsteiger Otto Meiling, Mitbegründer des Bergsteigervereins „Club Andino Bariloche“, den er später der Stadt vermachte. Meiling errichtete einige Refugios in den Bergen, Zufluchtsorte für Wanderer. Der berühmt-berüchtigste ist wohl der „Berghof“. Wohl nicht nur zufällig nach Adolf Hitlers Landhaus „Berghof“ am Obersalzberg benannt. Das Holzhäuschen, in dem Meiling auch gelebt hat und in dem heute ein Ausflugslokal untergebracht ist, werde ich einige Tage später auf einer Wanderung Richtung Gipfel des Cerro Otto aufsuchen.

Der zumindest medial berühmteste Deutsche aus Bariloche ist aber wohl Erich Priebke, ein ehemaliger SS-Hauptsturmführer, der nach dem Krieg über Buenos Aires nach Bariloche floh, dort Inhaber einer Metzgerei und sogar Vorsitzender des Trägervereins der deutschen Schule wurde. Priebke, der an der 1944 Erschießung von 335 Italienern in einem Steinbruch beteiligt war, wurde 1994 vom us-amerikanischen Journalisten Sam Donaldson in Bariloche  entdeckt und im weiteren Verlauf an Italien ausgeliefert, wo er schließlich im hohen Alter von 100 Jahren im Hausarrest starb.  

Das deutsche Viertel erkennt man auch heute noch unschwer. Alpenländische Architektur, hutzelige Häuschen mit Balkenholz-Verstrebungen und mittendrin die deutsche Schule.

Mit einer Gruppe Argentinier mache ich mich am vorletzten Tag in Bariloche auch noch auf die Circuito Chico-Tour. Den Cerro Campanario erreicht man per Seilbahn. Oben wird der Besucher mit einem Panorama-Blick belohnt, der mir noch immer Gänsehaus beschert (siehe Video). Kilometerweit entfernt der Horizont, wundervolle Seenlandschaft, nur begrenzt von der Gipfelkette der Anden, die bedeckt ist mit einem Rest Puderzuckerschnee. Weitere Stationen sind der Aussichtspunkt, der den Blick über den Moreno Lake freigibt sowie auf das Llao Llao Hotel, lupenreinstes Schweizer Idyll samt gelbleuchtender Blütenkulisse im Fotovordergrund. Ich hätte noch viel mehr Touren machen sollen. Ein Grund zurückzukehren?

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Die deutsche Schule, vor der Erich Priebke entlarvt wurde (l.); im rechten Haus hat sich KZ-Arzt Josef Mengele eine Weile aufgehalten..

Zurück in Buenos Aires

Ein blau lackierter Aerolineas Argentinas-Flieger bringt mich wohlbehalten zurück in die Hauptstadt, in der die Temperaturen inzwischen auf 25 Grad geklettert sind. Ich habe ein Zimmer mit eigenem Bad bei Celeste im Stadtteil Palermo gemietet. Es ist das Viertel mit den meisten Parks, wie mir gesagt wird. Dort werde ich auf meine Urlaubsliebe treffen: Kaisa, die 9 Jahre alte getigerte Katze des Hauses, die mir drei Tage lang wie ein Hund hinterherlaufen wird (und die ich immer noch ein wenig vermisse). 

Nach der Spanisch-Schule geht’s an diesem Montag aber erstmal zum Fußball. CA Platense spielt gegen Gimnasia Y Esgrima. Ich bin dezent nervös. Man hört wilde Geschichten über den vermeintlich gewalttätigen argentinischen Fußball. Ich habe das Spiel unter Begleitung eines argentinischen Sportjournalisten gebucht. Sollte also kein Problem sein. 

Zu sechs fahren wir mit dem Auto in einen Vorort, 10 Minuten Fußdistanz zum Stadion. Dort versorgen wir – zwei fußballverückte Jungs England und ich – uns mit Choripán und Getränken. Wir erhalten auch braun-weiße Platense-Trikots – auf Leihbasis. Braun-weiß! „Neben dem FC St. Pauli der einzige Club auf der Welt“, sagt irgendwer auf Spanisch.

Die Sicherheitsvorkehrungen sind streng, das Ticket personalisiert. Wir werden vor Betreten des Estadio Ciudad de Vicente López akribisch von Polizisten in Army-Kampfmontur gefilzt. Dann dürfen wir den braun-weißen Betontempel betreten. 

Das Stadion ist so richtig schön oldschool. Banner in den Vereinsfarben sind über den die Ränge gespannt. Wir stehen mitten im Pulk, „General“, also Stehplatz. Und dann werden die Calamari, die Tintenfische von Platense, schon bald lautstark angefeuert.

Ohhhh Calamari!
Ohhhh Calamari!
Dicen que estamos todos de la cabeza
Pero a Platense no le interesa
Tomamos vino puro de damajuana
Y nos fumamos toda la marihuana 

Befreiend.

Platense hat in diesem Sommer den ersten argentinischen Meistertitel seit Gründung des Clubs feiern können. Seitdem geht’s bergab. Wichtige Spieler sind verletzt oder gegangen, erklärt uns ein Argentinier. Dementsprechend gibt’s im wundervollen Abendrot eine 0:3-Packung. Das hält die Schlachtenbummler – angetrieben von hypnotischen Trommel-Rhythmen und den Mäuerchen stehenden  oberkörperfreien Capos – nicht davon ab, bist zum Ende des Spiels alles zu geben und ihr Teams trotz Niederlage als „Campeones“ abzufeiern. 

Die fragwürdigste Szene des Spiels ist dann auch keine Blutgrätsche, sondern der ca. 10-Jährige, der auf einer wackeligen Leiter stehend, gerade über die Balustrade aufs Spielfeld schauen kann und voller Freude ein funkensprühendes Pyro schwenkt. Jeder ARD-Sportschau-Reporter wäre an dieser Stelle hyperventilierend in Ohnmacht gefallen.

Auf der Rückfahrt unterhalten wir uns über die Vor- und Nachteile von Mate vs. Kaffee. Abends schlüpfe ich zufrieden unter die Bettdecke – und Kaisa gleich hinterher. Sie fläzt sich dann auch grundsätzlich so zwischen meine Beine, dass das Schlafen zur Herausforderung wird. Aber naja, es ist halt irgendwie auch niedlich.

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Beim Platense-Spiel; Kaisa, die sehr anhängliche Katze.

Die Toten Hosen in La Boca

Die letzten Tage sind angebrochen und auch der letzte Ausflug steht (zumindest ein wenig) im Zeichen des Fußballs. Wir fahren mit dem öffentlichen Bus nach La Boca, dem wohl berühmtesten Stadtteil Buenos Aires‘ mit seinen bunt lackierten Häusern, gebaut aus dem Blech abgewrackter Schiffe. Das Viertel hat viele berühmte Kinder, zum Beispiel den Maler Benito Quinquela Martín, dessen Bilder die Facetten des Viertels zeigen. Auf dem El Caminito bieten auch heute Künstler ihre Bilder und Fotografien zum Verkauf aus. Auch der Tango hat hier sein zu Hause und es nicht ungewöhnlich, dass ein anmutiges Paar, gekleidet in schwarz und kastanienbraun wie ein Brummkreisel an den Fußgängern vorbei gleitet.  

Doch auch in La Boca überstrahlt der Fußball alles. 

Überall Messi, Messi, Messi, vor allem aber Diego Armando Maradona, D10S, Argentiniens Fußballgott, dessen Heimatplatz viele Jahre La Bombonera war, die Pralinenschachtel, das blau-gelb gestrichene Stadion der Boca Juniors. Der Ort an dem der Superclásico stattfindet, Boca gegen River Platte, laut Wikipedia das bekannteste Stadtderby der Sportwelt.

Åshild, drei Spanisch-Schüler aus Thailand und Deutschland und ich landen schließlich im hübschen Außenbereich des El Gran Paraiso, dessen buntes Ambiente an einen in Italien spielenden Heinz Erhardt-Film aus den 50ern erinnert. Das Steak (was sonst) ist mittelmäßig, die Freundlichkeit des Kellners ebenfalls – bis ich ihm erzähle, dass ich aus Düsseldorf komme. Sein Gesicht strahlt plötzlich heller als jeder Atompilz, weil er ein wirklich sehr, sehr, sehr großer Tote Hosen-Fan ist. „Campino, Campino, Fortuna Düsseldorf …“, ruft er uns hinterher, als wir an den massiven Grills Richtung Ausgang gehen.

Am allerletzten Tag schlendere ich im Nieselregen Richtung Calle Florida, um ein Souvenirs zu jagen, doch spätestens beim Erreichen der Einkaufsmeile bin ich der einzige, der sich nicht mit einem transparenten Ganzkörperkondom vor dem – inzwischen – Sturzregen schützt.

Ich erreiche semitrocken die historische Galeria Pacifico. Hier hatte ich mir ein schönes Shopping-Erlebnis zum Urlaubsende erhofft. Doch die berühmte Mall ist schlimm generisch. Nur Markenshops, wie man sie auch in den Einkaufszentren in Oberhausen oder Oer-Erckenschwick findet.

Der nächste Morgen, es geht nach Hause. Nach einer endlosen Taxifahrt im Stau werde ich meine letzten 160.000 Peso an den grotesk überteuerten Flughafen-Shops verschwenden: (1) ein gefälschtes Boca Juniors-Trikot, das ich wahrscheinlich nicht einmal zum Joggen tragen werde; (2) ein immerhin sehr schönes Buch, das die Natur in den verschiedenen Regionen Argentiniens via Infografik erklärt; (3) eine Handvoll Kühlschrankmagnete, die ich in der Stadt für ein Drittel hätte kaufen können.

Meine letzten Pesos drücke ich in der Gangway einem Flughafenbediensteten in die Hand, der sich darüber wirklich sehr freut, obwohl es wohl gerade mal noch 3 oder 4 Euro sind.

Als wir abheben, bin ich dann doch etwas wehmütig. Gerne wäre ich länger geblieben. Vieles habe ich am Ende nicht gesehen. Die Iguazú-Wasserfälle im Norden, die bizarren Wüstenlandschaften von Salta, insbesondere aber mehr Patagonien, einer der schönsten Orte, an denen ich je gewesen bin. Es könnte sein, dass ich wiederkomme.